

Wenn Mitarbeitende ein Unternehmen verlassen, konzentrieren sich viele Unternehmen sofort auf die Kündigung. Neue Stellen werden ausgeschrieben, Bewerbungsgespräche geführt und neue Mitarbeitende eingearbeitet. Doch die eigentliche Frage lautet nicht: Warum kündigen Menschen? Die wichtigere Frage ist: Warum wollten sie nicht mehr bleiben?
Nach vielen Jahren in unterschiedlichen Unternehmen habe ich gelernt, dass Mitarbeitende meistens die Ersten sind, die merken, wenn etwas nicht stimmt. Sie spüren Unsicherheit in der Führung, sie erleben schlechte Kommunikation, sie bemerken Ungerechtigkeiten, fehlende Wertschätzung oder ein Team, das langsam auseinanderfällt. Sie erleben den täglichen Druck, die Konflikte und oft auch die Erschöpfung, lange bevor diese Probleme in Zahlen oder Berichten sichtbar werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass immer die Führungskraft die Ursache ist. Gute Führung ist anspruchsvoll. Es gibt Führungskräfte, die jeden Tag ihr Bestes geben und trotzdem mit schwierigen Rahmenbedingungen kämpfen. Ebenso gibt es Mitarbeitende, die wenig Verantwortung übernehmen oder kein Interesse daran haben, Teil eines Teams zu sein. Deshalb sollte man vorsichtig sein, vorschnell nach einem Schuldigen zu suchen.
Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Hohe Fluktuation ist häufig nicht das eigentliche Problem, sondern ein Symptom. Hinter jeder Kündigung steckt eine Geschichte. Vielleicht fehlte Orientierung. Vielleicht fehlte Vertrauen. Vielleicht wurde gute Arbeit nie anerkannt. Vielleicht passte die Unternehmenskultur nicht zu den Menschen. Oder vielleicht fehlten klare Erwartungen auf beiden Seiten.
Eine starke Unternehmenskultur bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt. Sie bedeutet, dass Konflikte angesprochen werden. Sie bedeutet, dass Führungskräfte zuhören, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig den Mut haben, klare Entscheidungen zu treffen. Sie bedeutet aber auch, dass Mitarbeitende Verantwortung für ihren eigenen Beitrag übernehmen und gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
Coaching beginnt genau an diesem Punkt. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit den richtigen Fragen. Wie erleben Mitarbeitende ihren Arbeitsalltag? Vertrauen Führungskräfte ihrem Team? Entspricht die Unternehmenskultur tatsächlich den Werten, die auf der Website stehen? Welche Stärken sind bereits vorhanden und welche Hindernisse verhindern, dass Teams ihr volles Potenzial entfalten?
Ich glaube nicht daran, dass perfekte Unternehmen existieren. Aber ich glaube daran, dass jedes Unternehmen besser werden kann, wenn es bereit ist, ehrlich hinzuschauen. Denn Menschen verlassen selten nur einen Arbeitsplatz. Sie verlassen oft ein Umfeld, in dem sie sich nicht mehr entwickeln, nicht mehr gehört oder nicht mehr wertgeschätzt fühlen.
Deshalb sollte Fluktuation nicht nur als Personalproblem betrachtet werden. Sie ist häufig ein Signal. Ein Signal dafür, dass es Zeit ist, Fragen zu stellen, zuzuhören und gemeinsam neue Wege zu finden. Denn dort, wo Menschen gerne arbeiten, bleiben sie nicht nur länger – sie wachsen. Und genau dort wachsen auch Unternehmen.
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